In den Schweizer Medien wird, getrieben durch das alt bekannte und wirkungsvolle Agenda-Setting der SVP, eine „Asyldebatte“ geführt. Während erneut ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer untergeht und Dutzende von Menschen dabei sterben, wird hierzulande diskutiert, dass „die absoluten Gesuchszahlen stark ansteigen und für die kleine Schweiz viel zu hoch sind“ (siehe Tagesanzeiger vom 05.08.). Klar ist, es werden Emotionen in die politische Diskussion getragen, von rechts wird Angst geschürt und von links Empathie verlangt, ohne sich dabei die Komplexität der Situation vor Augen zu führen. Meiner Ansicht nach, sind Gefühle hier nicht falsch, aber eine Situationsanalyse könnte helfen, die Sache etwas differenzierter und aus verschiedenen Perspektiven anzuschauen.
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Donnerstag, 6. August 2015
Mittwoch, 19. Februar 2014
Masseneinwanderung, Wachstumszwang und kreative Metropole
Volksabstimmungen in der Schweiz können
sich schnell einmal zu einem öffentlich Zugängen Politkrimi entwickeln, da das
Volk als Souverän das (im Vergleich zu anderen Ländern ziemlich
aussergewöhnliche) Recht hat, ungeachtet der Empfehlung ihrer Regierung, den betuchten
Interessensverbänden und den Expertenwarnungen, einfach ein „Stopp, so nicht!“
einlegen darf und kann. So war es denn auch bei der von der SVP lancierten und
nun knapp gewonnenen „Gegen Masseneinwanderung“ Initiative
Die Reaktionen zu diesem Resultat erzeugten
die vorhersagbaren Wellen und Wogen der Entrüstung, Hyperbel und Panik (der
Jubel blieb im Vergleich recht gedämpft): die Schweiz vor dem wirtschaftlichen
Abgrund, als nun isolierte Insel der glückseligen Xenophoben, als verwöhntes
Bauernvölklein das den Röstigraben aufgerissen hat und der EU eine Ohrfeige verpasste.
Treffen diese Aufschreie aber tatsächlich
zu?
Mittwoch, 12. Februar 2014
Die Masseneinwanderungsinitiative im Kontext der Globalisierung
Philipp Löpfe beschreibt zwei Probleme der Globalisierung und deren Zusammenhang zur Masseneinwanderungsinitiative. Als Lösung sieht er eine dezentralere Wirtschaftsordnung. Zu lesen unter: http://www.watson.ch/!643514704
Mittwoch, 22. Januar 2014
Masseneinwanderungsinitiative: geht es wirklich nur um Einwanderungspolitik und wirtschaftliche Erfolgsmodelle?
Bei der Masseneinwanderungsinitiative geht es um sehr viel. Durch die
Aufkündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU (notabene eine ihrer vier
Grundfreiheiten) gerieten möglicherweise die gesamten bilateralen Verträge zwischen
der Schweiz und der EU ins Wanken. Allen voran bekämpft die Wirtschaft die
Initiative. Sie betont die Wichtigkeit der Personenfreizügigkeit für die
Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften. Eine Abkehr davon geschähe auf
Kosten des wirtschaftlichen Erfolgsmodells Schweiz.
Wirtschaftkreise argumentieren immer ähnlich bei Vorlagen, welche sie potentiell negativ tangieren. Aus deren Sicht ist das grundsätzlich verständlich. Die zuweilen übertrieben anmutenden Szenarien von wirtschaftlichen Düsterkeiten im Falle eines Jas zielen aber mutmasslich darauf wirtschaftsfernere Kreise das Fürchten zu lehren, so dass diese im Sinne der stark partikular vorgebrachten Interessen der Wirtschaft abstimmen. Im Nein-Lager zur Initiative sind die wirtschaftlichen Argumente klar dominant.
Bei einem echten problemorientierten Ansatz trüge aber auch die Wirtschaft eine grosse Verantwortung: sie müsste unbedingt davon ablassen, ihre Interessen politisch zu partikular – und daher von den Anliegen der „Allgemeinheit“ entkoppelt – zu bewirtschaften. Da bei einem Nein kein Druck mehr vorhanden ist, wird dies aber kaum eintreten. Ein Ja umgekehrt führte in eine nicht problemorientierte Isolation.
Wirtschaftkreise argumentieren immer ähnlich bei Vorlagen, welche sie potentiell negativ tangieren. Aus deren Sicht ist das grundsätzlich verständlich. Die zuweilen übertrieben anmutenden Szenarien von wirtschaftlichen Düsterkeiten im Falle eines Jas zielen aber mutmasslich darauf wirtschaftsfernere Kreise das Fürchten zu lehren, so dass diese im Sinne der stark partikular vorgebrachten Interessen der Wirtschaft abstimmen. Im Nein-Lager zur Initiative sind die wirtschaftlichen Argumente klar dominant.
Geht es den Gegner primär um wirtschaftlichen Liberalismus, geht
es den Befürwortern im Kern um die Einführung einer restriktiveren Einwanderungspolitik.
Beide Argumentationen missachten, dass die Migration zu erfolgreichen
Metropolregionen (durch hoch oder niedrig Qualifizierte) eine elementare,
politisch nicht verhinderbare Realität der heutigen Welt ist. Die Migration zu diesen
Metropolregionen ist ein globales Phänomen: ob Zürich, Hamburg, Paris, Mumbai
oder Moskau: alle erfolgreichen Metropolregionen ziehen Menschen aus dem
jeweiligen In- und Ausland an. Dies hat neben klar positiven Auswirkungen auch
negative: nicht nur verändert sich die Siedlungsstruktur sondern die gesamte infrastrukturelle
und soziale Geographie einer Gegend verändert sich (z.B. Dichteprobleme wie
Wohnraumknappheit; schnell ändernde gesellschaftliche Gefüge).
Mit einer Masseneinwanderungsinitiative ist dem nicht beizukommen.
Trotzdem haben in vielen europäischen Ländern konservativ-isolationistische
Kräfte Zulauf. Deren Lösungsansatz einer Rückkehr zum autarken und heilen
Nationalstaat muss unter den gegebenen Realitäten jedoch scheitern. Umgekehrt
lösen Forderungen nach grenzenlosen wirtschaftlichen Opportunitäten diese
Probleme selbstredend auch nicht. Im Gegenteil, sie fördern den Trend der
Migration in die Metropolregionen (z.B. Stichwort „Wettbewerb um Talente“) ohne
deren Probleme sehen zu wollen oder zu reflektieren.
Die guten Erfolgsaussichten der Masseneinwanderungsinitiative können
u.a. so gelesen werden, dass dahinter u.a. die erwähnten vielschichtigen
Probleme der Migration in Metropolregionen stehen: dieser Schuh drückt viele
BürgerInnen. Die Diskussion sollte sich daher im Kern nicht darum drehen, ob –
spitz formuliert – die Schweiz eine völlige (wirtschaftliche) Isolation oder
eine totale wirtschaftliche Öffnung will. Sondern darum, wie die (schon seit
vor der Personenfreizügigkeit stattfindende) Realität des Zuzugs in
erfolgreiche Metropolregionen für möglichst alle Anspruchsgruppen positiv oder
zumindest erträglich gestaltet werden kann. D.h. die Politik ist gefordert, die
Probleme anzugehen. Davon ist man aber noch weit entfernt, gerade auch im trotz
EU sehr heterogenen und institutionell nur partiell verwobenen Europa.
Bei einem echten problemorientierten Ansatz trüge aber auch die Wirtschaft eine grosse Verantwortung: sie müsste unbedingt davon ablassen, ihre Interessen politisch zu partikular – und daher von den Anliegen der „Allgemeinheit“ entkoppelt – zu bewirtschaften. Da bei einem Nein kein Druck mehr vorhanden ist, wird dies aber kaum eintreten. Ein Ja umgekehrt führte in eine nicht problemorientierte Isolation.
Fazit: Bezüglich der Frage, ob nun ein Ja oder ein Nein in die
Urne gehört, schliesse ich mich Frau Bundesrätin Simonetta Sommaruga an, die in
der Polit-Sendung Arena vortrug, dass ein Ja aus reinem Protest in dieser
Abstimmung fehl am Platz sei.
Claude Meier
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